Februar 1, 2023

Und der Goldjunge geht an …

Während Millionen Hollywood-Fans der Golden Globe Verleihung entgegenfiebern, wenn Ricky Gervais die Begrüßungsrede hält, fehlt diese Zugnummer bei den Oscars. So geht es hier wesentlich gesitteter zu und die Gäste kommen mit weit weniger mulmigen Gefühlen über den roten Teppich. Allerdings fiebern deutlich weniger Cineasten mit. Das hat aber verschiedene Gründe.

Mit der Steilvorlage der Preisvergabe durch die Hollywood Foreign Press Association, werden schon früh Tendenzen und mutmaßliche Oscar-Gewinner im Vorfeld gehandelt. Auch in diesem Jahr waren die Preisträger in den Schauspielerkategorien schon lange vorher klar und der Abend brachte somit keine Überraschung.

Während die Golden Globes von der Fachpresse vergeben werden, sind bei der Oscar-Wahl fast alle in Hollywood tätige Personen aufgefordert, sich Filme anzuschauen und dann die lieben Kollegen und Freunde zu bewerten. Das führt dazu, dass nur in absoluten Ausnahmefällen Blockbuster-Movies den Preis für den besten Film erhalten. In der Regel werden eher die Filme ausgezeichnet, die an der Kasse (Box Office) floppen. Dagegen haben die Filme, die der Allgemeinheit am besten gefallen, in der  Regel einen eher niedrigen künstlerischen Wert.

In diesem Jahr war eine südkoreanische Produktion der größte Abräumer. „Parasite“ heißt das Familiendrama, dass es mit Sicherheit nicht in viele deutsche Kinos schaffen wird. Bei den Protagonisten der Filmindustrie erfreute er sich großer Beliebtheit. Vielleicht auch nur eine bewusste Demonstration von Weltoffenheit und chronischer Sympathie für den Underdog.

Kategorien wie „Bestes Drehbuch“, „Bester Schnitt“ oder „Bestes Make up“ sind zwar für die Beteiligten ganz schön, aber sagen wenig über die Qualität eines Filmes aus, und sind daher für Kinobesucher völlig uninteressant. In der Branchen lassen sich darüber aber wunderbar Wogen glätten, denn man kann auf diese Weise Filme auszeichnen, die in anderen Kategorien leer ausgegangen sind. Als Oscar-prämierter Film kann man immerhin auf mehr Kinobesucher und DVD-Käufer hoffen. Und so gab es in den unwichtigen Kategorien wieder Oscar-Preisträger, die den neutralen Beobachter etwas überraschten.

Es war eine müde Veranstaltung, die einfach keine Höhepunkte aufzuweisen hatte. Es fehlte an guten Stories und damit Filmen und entsprechenden schauspielerischen Leistungen. Nun war es in der Vergangenheit schon immer schwierig, als dunkelhäutiger Mime einen Goldjungen zu erhalten. Im Jahre 2020 wurden kaum welche nominiert. 

Über das, was Ricky Gervais schon bei den Globes anmerkte, konnte auch die Oscar-Show nicht hinwegtäuschen. Die Filmindustrie ist in der Krise. Hollywood verfilmt nur noch Marvel-Superhelden-Comics und die wesentlich spannenderen Produktionen laufen bei Netflix oder Amazon. Während diese neuen Mitspieler im Filmgeschäft bisher überwiegend Serien produzieren, wird sich dass sicher bald ändern. Die etablierten Produktionsfirmen sollten aufpassen.

Das Streamen daheim ersetzt mehr und mehr das Popcorn-Kino. Aber das darf niemanden überraschen, wenn ein Kinobesuch mit Getränk und Genussmittel mehr kostet als der Monatsbeitrag für Netflix oder Amazon. Für Familien mit zwei oder mehr Kindern ist ein Kinobesuch kaum noch finanzierbar. Gleichzeitig vermitteln immer größere Flachbildschirme immer mehr Kinogefühl.

Es fehlen aber auch die Stars. Brad Pitt bekam seinen Oscar für die beste Nebenrolle, weil er einfach einmal an der Reihe war. Laura Dern wirkte neben den Hauptdarstellern Adam Driver und Scarlett Johannsen in ihrem Film eher blass, aber weil diese keinen Goldjungen bekamen, war die große Blondine an der Reihe, die Oscar-Quote des Ehedramas zu verbessern.

Die Oscars für die besten Hauptdarsteller standen schon lange vorher fest. Joaquin Phoenix und Renee Zellweger haben sicher in ihren Rollen toll gespielt, aber es waren auch sehr spezielle Figuren. Die Dankesreden haben dann aber gezeigt, dass diese beiden im normalen Leben noch viel verhaltensgestörter sind, als jede noch so schräge Rolle ihrer Karriere. Im Grunde wäre es für die beiden die größere Leistung gewesen, einen Otto-Normalbürger zu spielen. Vielleicht verschafft ihnen ja einmal eine Casting-Firma diese Herausforderung.

Beide Preisträger brachten eine Weltschmerz-Dankesrede auf die Bühne, die deren Psychoanalytiker schon nervös auf ihren Stühlen rutschen ließen. Und wer glaubte, dass jemand, der seitenlange Manuskripte auswendig lernen und fehlerfrei vortragen kann, bei einer freien Rede ebenfalls glänzt, sah sich schnell eines besseren belehrt. Während der Joker-Mime einige längere Ergriffenheitspausen einlegte, streute die Zellweger nach den ersten noch auswendig gelernten 30 Sekunden in den nächsten dreieinhalb Minuten insgesamt 38 „Ähm“-Füllgeräusche in ihre Rede. Anstrengend.

Einen ganz anderen Auftritt legte die ehemaliger Hüpf- und Fitnesskönigin Jane Fonda als Presenter für den besten Film hin. Nur ihrem Gang merkte man ihr Alter an. Die gute Dame ist 82 Jahre alt und präsentierte Gesicht und Hals von einer faltenlosen Schönheit, mit der die meisten halb so alten Anwesenden nicht mithalten konnten. Großes Kompliment daher an die Schönheitschirurgen in Hollywood. Jane Fonda ist ein Meisterwerk, aber nichtsdestotrotz ein künstlicher Abklatsch von längst vergangen Glanztagen.